Somatoforme Störungen: Diagnostik, Ätiologie und Behandlung

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Somatoforme Störungen

Wirksamkeit einer kognitiv-behavioralen Kurzzeittherapie bei multiplen somatoformen Körperbeschwerden
Maria Kleinstäuber, Ann Christin Krämer, Fabian Jasper, Michael Witthöft, Wolfgang Hiller

Medizinisch unerklärte Körperbeschwerden (MUPS) sind weit verbreitet und gehen bei den Betroffenen häufig mit ausgeprägten Einschränkungen im Funktionsniveau einher. Obwohl psychotherapeutische Behandlungen als wirksam gelten, gibt es bisher kaum manualisierte, kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlungskonzepte. Das Ziel dieser Studie stellt daher die Evaluation einer kognitiv-behavioralen Kurzzeittherapie bei multiplen somatoformen Beschwerden (KVT) dar. Bisher wurden 83 Patienten in die Studie eingeschlossen. Die Patienten werden entweder einer 20-stündigen manualisierten KVT oder einer Wartekontrollgruppe nach einem Parallelisierungsverfahren hinsichtlich Alter, Geschlecht und Ausmaß der Beschwerden zugeordnet. Die Datenerhebung findet sowohl unmittelbar vor als auch nach der letzten Sitzung statt. Eine 1-Jahres-Katamnese ist geplant. Als Outcome-Maße dienen u.a. das Ausmaß körperlicher Beschwerden, Krankheitssorgen und –verhaltensweisen und Depressivität. Die Vorauswertung der Daten von 25 Patienten, die bereits die Therapie abgeschlossen haben, zeigt hinsichtlich der Intensität der Körperbeschwerden eine mittlere Prä-Post-Effektstärke (d+ = 0.58). Bzgl. körperbezogener dysfunktionaler Kognitionen (Subskalen des Fragebogens zu Körper und Gesundheit) konnten kleine Effekte nach der Therapie (d+ = 0.05 - d+ = 0.47) festgestellt werden. Hinsichtlich hypochondrischer Merkmale (Gesamtwert der Illness Attitude Scales) ergab sich eine moderate Prä-Post-Effektstärke (d+ = 0.52). In Bezug auf verschiedene Arten von Krankheitsverhalten (Subskalen der Scale for Assessment of Illness Behavior) schwankten die Effektstärken zwischen dem kleinen und mittleren Bereich (d+ = 0.33 - d+ = 0.71). Die depressive Symptomatik (Beck Depressions Inventar) reduzierte sich zwischen Prä- und Postmessung mit einem mittleren Effekt (d+ = 0.74). Das Funktionsniveau (Pain Disability Index) der Patienten konnte deutlich gesteigert werden, woraufhin der sehr große Prä-Post-Effekt d+ = 1.49 hinweist. Aufgrund der noch kleinen Stichprobengröße können die Ergebnisse nur mit Vorsicht interpretiert werden. Sie ermöglichen allerdings erste Anhaltspunkte hinsichtlich der Wirksamkeit einer manualisierten kognitiv-behavioralen Kurzzeitherapie, die spezifisch für die Behandlung multipler somatoformer Beschwerden im ambulanten Setting entwickelt wurde.

Kognitive und behaviorale Prädiktoren des Therapieerfolgs bei Patienten mit multiplen somatoformen Symptomen unter kognitiv-verhaltenstherapeutischer Kurzzeittherapie

Ann Christin Krämer, Maria Kleinstäuber, Wolfgang Hiller

Wer profitiert am meisten? In diesem Forschungsprojekt soll der Frage nach den Prädiktoren des Therapieerfolgs von Patienten mit multiplen somatoformen Beschwerden in ambulanter Kurzzeit-VT nachgegangen werden. Der Fokus liegt hierbei auf der Prädiktion des Outcomes anhand von kognitiven und behavioralen Faktoren, die im Zusammenhang mit den medizinisch unklaren Körperbeschwerden stehen. Die Patienten werden parallelisiert auf zwei Gruppen verteilt: Wartekontroll- (3 Monate Wartezeit) und Treatmentgruppe. Es folgt eine streng manualisierte (und somit standardisierte) Therapie (5 Probatorische Sitzungen und 20 Therapiesitzungen), welche auf einem komplexen Störungsmodell, das emotionale, kognitive, psychophysiologische, behaviorale und soziale Faktoren berücksichtigt, basiert. Wichtige Therapieelemente sind u. a. die Vermittlung eines individuellen Störungsmodells, sowie der Einsatz von Symptomtagebüchern, Strategien zur Aufmerksamkeitslenkung, kognitive Umstrukturierung, Reattribution von Körpersensationen und der Abbau von Krankheitsverhaltensweise, wie z. B Body-Checking und häufige Arztbesuche. Die ausführliche Erhebung der körperlichen Beschwerden, dem Umgang mit diesen, sowie möglicher dysfunktionaler Kognitionen bzgl. der unklaren Körperbeschwerden findet zum Zeitpunkt der ersten Kontaktaufnahme, zu Beginn und nach der Therapie und auch engmaschig während des Therapieverlaufs statt. Bisher wurden 83 Patienten in die Studie eingeschlossen.

Medically Unexplained Symptoms and Somatoform Disorders in Primary Care: Diagnostic Challenges and Suggestions for Improvement
Stephanie Körber, Wolfgang Hiller

Somatoforme Beschwerden – d.h. Körperbeschwerden, für die sich keine eindeutige organische Ursache finden lässt - sind ein häufiges Phänomen im hausärztlichen Setting (bei etwa drei Viertel aller berichteten Symptome besteht keine ausreichende organische Erklärung). Jedoch gestaltet sich ihre diagnostische Erfassung – eine Voraussetzung für jede adäquate Behandlung - als schwierig. Ziel der vorliegenden Studie ist es deshalb, einen Beitrag zur besseren diagnostischen Erfassung somatoformer Beschwerden im Hausarztsetting zu leisten. Hierfür wurden in zwei Mainzer Hausarztpraxen mehr als 600 Patienten gescreent und mehr als 300 in einem ausführlichen Interview zu Körperbeschwerden, Beeinträchtigung sowie bestimmten Denk- und Verhaltensweisen befragt. Die Auswertungen wurden bereits abgeschlossen. Es konnte unter anderem nachgewiesen werden, dass der so genannte "Patient Health Questionnaire PHQ-15" gut geeignet ist, um nach somatoformen Symptomen zu screenen. Außerdem wurde gezeigt, dass eine Diagnostik somatoformer Beschwerden und Störungen nicht nur auf dem Zählen von (somatoformen) Symptomen basieren sollte, sondern auch auf weiteren, für die Verarbeitung solcher Beschwerden relevanten psychologischen Kriterien.

Veröffentlichungen:

  • Körber, S., Frieser, D., Steinbrecher, N. & Hiller, W. (2011). Classification characteristics of the Patient Health Questionnaire-15 for screening somatoform disorders in a primary care setting. Journal of Psychosomatic Research 71(3), 142-147.

Somatoforme Störung im Hausarztsetting: Kritische Bewertung der Validität und Reliabilität des Störungskonzeptes auf der Grundlage epidemiologischer Daten und Verlaufscharakteristika
Natalie Steinbrecher, Wolfgang Hiller

Im Zuge der Neukonzeptualisierung somatoformer Störungen im neuen Diagnosesystem DSM-V sollte diese Arbeit einen Beitrag zur aktuellen Diskussion um somatoforme Störungen leisten. In diesem Zusammenhang wurde auf der Grundlage eines einheitlichen Datensatzes eine Einordnung somatoformer Störungen im Hinblick auf Prävalenz, Verlauf, Prädiktoren, Validität und Reliabilität vorgenommen. Hierfür wurden in zwei Mainzer Hausarztpraxen 614 Patienten gescreent und 308 in einem ausführlichen Interview zu Körperbeschwerden, Beeinträchtigung sowie bestimmten Denk- und Verhaltensweisen zu zwei Messzeitpunkten befragt. 22,9% der untersuchten Personen erfüllten die Kriterien einer somatoformen Störung. Im Verlauf von 12 Monaten remittierte die Störung bei 48,8% der Betroffenen. Die erfragten körperlichen Symptome erwiesen sich im Verlauf eines Jahres als wenig reliabel. Die höchsten Konkordanzraten wurden für somatoforme Schmerzstörung berichtet. Die Prävalenzraten der Complex Somatic Symptom Disorder (DSM-V) fielen mit 16% etwas geringer aus. Trotz der Berücksichtigung psychologischer Faktoren wies dieses Störungsbild ebenfalls geringe Konkordanzraten auf. Auf der Grundlage uns vorliegender Daten erfüllen sowohl das aktuelle DSM-IV- bzw. ICD-10-Konzept als auch der bislang gültige Vorschlag für die Neukonzeptualisierung somatoformer Störungen die notwendigen Validitäts- und Reliabilitätsanforderungen in unzureichendem Maße.

Veröffentlichungen:

  • Steinbrecher, N., Koerber, S., Frieser, D. & Hiller, W. (2011). The Prevalence of Medically Unexplained Symptoms in Primary Care. Psychosomatics, 52(3), 263-271.
  • Steinbrecher, N. & Hiller, W. (2011). Course and prediction of somatoform disorder and medically unexplained symptoms in primary care. General Hospital Psychiatry, 33 (4), 318-326.
  • Steinbrecher, N. & Hiller, W. (2011). Überprüfung der zeitlichen Stabilität medizinisch nicht erklärter Beschwerden und somatoformer Störungen vor dem Hintergrund unterschiedlicher Diagnosekonzepte. Zeitschrift für Psychotherapie, Psychosomatik und medizinische Psychologie, 61 (8), 356-364.
  • Körber, S., Frieser, D., Steinbrecher, N., Hiller, W. (2011). Classification characteristics of the Patient Health Questionnaire-15 for screening somatoform disorders in a primary care setting. Journal of Psychosomatic Research, 71 (3), 142-147.

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