Experimentelle Psychotherapieforschung

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Experimentelle Psychotherapieforschung

Taktile Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse bei Personen mit medizinisch unklaren körperlichen Beschwerden
Anna Katzer, Daniel Oberfeld, Wolfgang Hiller & Michael Witthöft

Körperliche Beschwerden, für die keine ausreichenden organischen Ursachen gefunden werden, unterliegen komplexen Entstehungsmechanismen, die umstritten sind. Das Forschungsprojekt soll einen Beitrag zum ätiologischen Verständnis somatoformer Störungen leisten. Hierzu wird in Anlehnung an die kognitionspsychologische Theorie von Brown (2004) ein schematheoretischer Ansatz der Genese somatoformer Symptome experimentell überprüft. Erste Ergebnisse stehen in Einklang mit der Hypothese von Brown und Kollegen, wonach die Verarbeitung intero- und exterozeptiver somatosensorischer Reize bei Personen mit somatoformen Beschwerden in besonderer Weise verändert ist. So scheint das Erleben körperlicher Symptome unklarer medizinischer Genese mit einer erhöhten Anfälligkeit gegenüber experimentell erzeugten taktilen illusorischen Wahrnehmungen einherzugehen.

Veröffentlichungen:

  • Katzer, A., Witthöft, M., Oberfeld, D., & Hiller, W. (2009). Crossmodale visuell-taktile Wahrnehmungsprozesse und deren Beziehung zu somatoformen Beschwerden und Krankheitsängsten. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 38, Supplement 1, 12.
  • Katzer, A., Witthöft, M., Oberfeld, D., & Hiller, W. (2010). Visuell-taktile Wahrnehmungsprozesse und deren Beziehung zu somatoformen Störungen. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 39, Supplement 1, 17-18.
  • Katzer, A. Oberfeld, D., Hiller, W. & Witthöft, M. (in press). Tactile perceptual processes and their relationship to medically unexplained symptoms and health anxiety. Journal of Psychosomatic Research.

Exterozeptionsfähigkeit für somatosensorische Reize am Beispiel taktiler Wahrnehmungsprozesse bei Patienten mit Hypochondrie (gefördert durch die DFG)
Maribel Kölpin, Susann Krautwurst, Anna Katzer, Alexander L. Gerlach, Wolfgang Hiller & Michael Witthöft

Kognitiv-behaviorale Modelle der Hypochondrie postulieren eine sensiblere Verarbeitung somatosensorischer Reize (z.B. Barsky, 1992). Bisherige Studien gehen jedoch an den für die Hypochondrie relevanten somatosensorischen Reizen vorbei, so dass empirische Belege noch ausstehen. Dieses Forschungsprojekt greift daher die Fragestellung einer besseren Detektionsleistung für exterozeptive somatosensorische Reize bei Personen mit starken Krankheitsängsten auf. Basierend auf einem von Lloyd et al. (2008) entwickelten Paradigma wird die Hypothese untersucht, dass Hypochondrie-Patienten im Vergleich zu einer gesunden Kontrollgruppe vermehrt zu illusorischen taktilen Wahrnehmungen neigen. In der noch laufenden Studie konnten bisher 46 Probanden untersucht und per SKID-I-Diagnostik (Wittchen, Wunderlich, Gruschwitz & Zaudig, 1997) der Hypochondrie- bzw. Kontrollgruppe zugewiesen werden. Im Anschluss an die Ermittlung der individuellen Wahrnehmungsschwelle werden allen Teilnehmern Vibrationsimpulse nahe der Wahrnehmungsschwelle appliziert, die in der Hälfte der Durchgänge zufällig mit einem Lichtreiz gepaart sind. Weiterhin werden beide Reize (Licht und Vibration) randomisiert nur in jeweils der Hälfte der Durchgänge dargeboten, so dass die Provokation illusorischer Empfindungen in Durchgängen mit Lichtreiz aber ohne auslösenden Vibrationsreiz ermöglicht wird.

Die Ergebnisse zeigen bisher, dass sich die beiden Gruppen bzgl. der Wahrnehmungsschwelle für den taktilen Reiz nicht signifikant unterscheiden (t(32)=1.54; n.s.) und – analog zu den Befunden von Lloyd et al. (2008) – in der Experiment-Bedingung mit kombiniertem Lichtreiz gleichermaßen zu einem signifikant liberaleren Antwortverhalten neigen (t(34)=2.87; p=.007; Cohen’s d=0.31). Die Faktoren Licht x Gruppe zeigen dabei einen signifikanten Interaktionseffekt auf die Detektionsleistung d‘: demnach kommt es nur bei den gesunden Probanden in der Versuchsbedingung mit kombiniertem Lichtreiz zu einer verbesserten Detektionsleistung für den taktilen Reiz (F(1;33)=4.26; p=.047; ηP2=.11).

Bei Bestätigung der aktuellen Befunde im Rahmen der weiteren Datenerhebung muss die Ausgangshypothese einer größeren Sensitivität für taktile Reize als Beispiel für eine veränderte Exterozeptionsfähigkeit somatosensorischer Reize bei Hypochondrie verworfen werden. Dies könnte ein Hinweis für eine Abgrenzung der Hypochondrie von anderen symptombezogenen somatoformen Störungen sein, da bei letzterer Störungsgruppe Auffälligkeiten im Rahmen des verwendeten Paradigmas bereits gezeigt werden konnten (Katzer et al., in press; Katzer et al., under review).

Veröffentlichungen:

  • Witthöft, M., Basfeld, C., Steinhoff, M. & Gerlach, A. L. (in press). Can’t suppress this feeling: automatic negative evaluations of somatosensory stmuli are related to the experience of somatic symptom distress. Emotion.

Interozeptionsfähigkeit für somatosensorische Reize bei Patienten mit Hypochondrie (gefördert durch die DFG).
Susann Krautwurst, Maribel Kölpin Alexander L. Gerlach, Wolfgang Hiller & Michael Witthöft

Der Begriff Hypochondrie bezeichnet eine psychische Störung, bei der die Betroffenen unter enormen Ängsten leiden oder der Überzeugung sind, dass sie, trotz unauffälliger medizinischer Befunde, eine ernsthafte Erkrankung haben. Kognitiv-behaviorale Erklärungsmodelle der Hypochondrie gehen von bestehenden dysfunktionalen Schemata hinsichtlich Körper, Krankheit und Gesundheit aus, die zu einer gesteigerten körperfokussierten Aufmerksamkeit führen, wodurch alltägliche körperliche Veränderungen und Prozesse intensiver wahrgenommen und anschließend als bedrohlich und Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung fehlinterpretiert werden (Warwick & Salkovskis, 1990). Belege für diesen Mechanismus der somatosensorischen Verstärkung (Barsky, 1998) konnten bislang meist nur mit Fragebogenuntersuchungen gefunden werden. Daher wird in der vorliegenden Untersuchung die Interozeptionsfähigkeit auf experimenteller Ebene anhand zweier Paradigmen untersucht, welche im Kontext der Angststörungen entwickelt und erprobt wurden: zum einen ein Paradigma zur Messung von Spontanfluktuationen der Hautleitfähigkeit und zum anderen ein Herzratendetektionsparadigma. Hierzu wird eine Stichprobe aus 50 Hypochondriepatienten mit 50 gesunden Kontrollprobanden verglichen, wobei eine Parallelisierung beider Gruppen hinsichtlich Alter und Bildungsniveau geplant ist. Die zu beantwortende Frage ist, ob Hypochondriepatienten über eine verbesserte und intensivere somatosensorische Wahrnehmungsleistung verfügen, um kognitiv-behaviorale Erklärungsmodelle verifizieren zu können. Weiterhin könnte damit eine konzeptuelle Nähe von Hypochondrie zu den Angststörungen, für die eine bessere Interozeptionsfähigkeit bereits belegt wurde, untermauert werden, was für die aktuelle Klassifikationsdebatte bezüglich Hypochondrie relevant ist.

Veröffentlichungen:

  • Witthöft, M., Basfeld, C., Steinhoff, M. & Gerlach, A. L. (in press). Can’t suppress this feeling: automatic negative evaluations of somatosensory stmuli are related to the experience of somatic symptom distress. Emotion.

Ambulatorisches Assessment: Attentional Bias, Affekt und Emotionsregulation bei Krankheitsängstlichen Individuen.
Fabian Jasper, Michael Witthöft

Mittlerweile wird beim Störungsbild der Hypochondrie bzw. Krankheitsangststörung von einem Kontinuum ausgegangen, das sich von leichten Symptomen bis hin zu einer klinisch relevanten Hypochondrischen Störung erstreckt (Ferguson, 2008). Demnach ist Krankheitsangst (KA) ein weit verbreitetes Phänomen, das in sub-klinischer Ausprägung in allen Bevölkerungsschichten anzutreffen ist. Das Störungsbild der Hypochondrie und KA umfasst gemäß kognitiv-behavioraler Störungsmodelle kognitive, behaviorale, perzeptuelle und affektive Komponenten.Um die Bedeutung von Aufmerksamkeitsprozessen, Affektivität und Emotionsregulation im Kontext der Forschung zu Krankheitsängstlichkeit genauer zu betrachten werden 4 Substudien durchgeführt. Neben grundlegenden Erkenntnissen zu kognitiven- und affektiven Prozessen im Rahmen der Krankheitsangst ist ein wesentliches Ziel der im folgenden skizzierten, vier Studien mögliche Anhaltspunkte für therapeutische Ansätze und deren Evaluation zu entdecken und in hochkrankheitsängstlichen Populationen anzuwenden.

Studie 1: Mittels Pocket-PCs wird geprüft ob - moderiert durch das Ausmaß von Krankheitsängstlichkeit, Angstsensitivität, Emotionsregulation und weitere explizite Messungen – im Anschluss an einen Symptom-Trigger eine Veränderung im negativen– und / oder positiven Affekt unter realistischen Bedingungen auftaucht.

Studie 2: Eine modifizierte Variante der Affective-Missattribution-Procedure“ (AMP; Payne et al., 2005) wird eingesetzt und hinsichtlich differentieller Aspekte der unter Punkt 1 erwähnten expliziten Messungen untersucht.

Studie 3: Eine um Baseline-Messungen erweiterte Variante des dot-probe Tests (MacLeod, Mathews & Tata, 1986) mit ähnlichem Aufbau und Bildmaterial wie in einer neuerlichen Studie nach Lees et al. (2005) wird verwendet, um deren Ergebnisse zu replizieren und um weitere Befunde zu erweitern.

Studie 4: In einer Internet-Studie wird geprüft, inwiefern sich die Befunde gemäß Punkt eins anhand eines Internetexperiments reproduzieren lassen und ob die Missattribution von arousal einen moderierenden Effekt darstellt (vgl. Vosgerau, 2010).

Für die Studien 1 bis 3 ist eine Zielgröße von ca. N = 100 angestrebt, die vorrausichtlich Juli 2010 erreicht wird (Stand Juni: N = 70). Für Studie 4 ist eine Zielgröße von N = 200 angestrebt, die vorrausichtlich August 2010 erreicht wird (Stand Juli: N = 130).

Ersten Ergebnissen entsprechend gehen sowohl negativer- als auch positiver Affekt im Anschluss an einen Trigger für Krankheitsängstlichkeit zurück (Studie 1 und 4). Für das AMP-Paradigma (Studie 2) zeigen sich neben einem signifikanten Haupteffekt deutliche, erwartete Zusammenhänge zu den 4 Skalen des MIHT, einem Messinstrument zur Erfassung des Ausmaß an Krankheitsängstlichkeit, und anderen expliziten Maßen. In Bezug auf das dot-probe Paradigma gelang bisher (N = 61) eine Replikation der Ergebnisse von Lees et al. (2005).

Messung und Modifikation interozeptiver und exterozeptiver Wahrnehmungs- bzw. Aufmerksamkeitsprozesse bei Personen mit unklaren körperlichen Beschwerden

Kathrin Riebel, Manuela Schaefer, Boris Egloff, Wolfgang Hiller & Michael Witthöft

Bei der Entstehung und Aufrechterhaltung medizinisch nicht erklärter Symptome werden eine veränderte Wahrnehmung und eine Fehlinterpretation körperbezogener Reize sowie eine erhöhte und selektive Aufmerksamkeit hinsichtlich störungsrelevanter Reize als wichtige Faktoren postuliert. Bisher wurden jedoch nur unzureichend experimentelle Belege für diese veränderten Informationsverarbeitungsprozesse erbracht. Ziel der Studie ist es deshalb zu untersuchen, ob sich Patienten mit medizinisch nicht erklärten Beschwerden in ihrer Interozeption und in der Informationsverarbeitung krankheitsrelevanter, externer Reize von einer gesunden Kontrollgruppe unterscheiden und ob dieser Unterschied in einem zweiten Untersuchungsschritt modifiziert werden kann. Die Aufmerksamkeit auf und die Bewertung von externen, störungsspezifischen Reizen sollen mittels Dot-Probe-Paradigma, Emotional Stroop-Test, Impliziten Assoziations-Test und Affektive Misattribution Procedure erfasst und modifiziert werden. Die Interozeption soll über zwei Varianten zur Herzschlagwahrnehmung (Signal-Entdeckungs-Aufgabe und „Schandry-Paradigma“) untersucht und trainiert werden. Im Juli 2010 ist die Untersuchung mit den ersten Teilnehmern angelaufen.

Veröffentlichungen:

  • Witthöft, M. & Hiller, W. (2010). Psychological approaches to origins and treatments of somatoform disorders. Annual Review of Clinical Psychology, 6, 257-283.