Evaluation psychotherapeutischer Behandlungen in naturalistischen Settings

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Evaluation psychotherapeutischer Behandlungen in naturalistischen Settings

Therapieeffekte und Prädiktoren des Behandlungserfolgs bei kognitiv-behavioralen Depressionstherapien im ambulanten naturalistischen Setting
Amrei Schindler, Wolfgang Hiller

Obwohl sich die Behandlung depressiver Störungen in randomisiert-kontrollierten Studien (RCTs) als sehr effektiv erwiesen hat, ist wenig über den Transfer solcher Studienergebnisse auf naturalistische Behandlungssettings bekannt. Zudem ist bislang wenig darüber bekannt, inwieweit Ein- und Ausschlusskriterien, die typischerweise in RCTs angewendet werden, die Therapieergebnisse beeinflussen. Ziele der Studie waren daher zum einen die Überprüfung der Wirksamkeit von kognitiv-verhaltenstherapeutischen Depressionstherapien im Routinesetting einer Hochschulambulanz, die Identifikation von Prädiktoren für den Therapieerfolg depressiver Patienten sowie die Überprüfung des Einflusses der Anwendung typischer Ein- und Ausschlusskriterien im Bereich Depression.

Es wurden Patienten der Institutsambulanz der Universität Mainz mit einer Major Depression oder dysthymen Störung bei Therapieanmeldung, -beginn, -ende sowie katamnestisch mit dem Beck-Depressions-Inventar untersucht. Prä-Post-Analysen zeigten einen Rückgang der Symptomatik mit sehr guten Effektstärken, die auch katamnestisch stabil blieben. Responseraten lagen bei 46-60%, Remissionsraten bei 40-46%. In der Wartebedingung zeigten sich nur geringfügige Veränderungen. Es ließen sich eine frühe Symptombesserung, eine reguläre Therapiebeendigung (im Gegensatz zu einem vorzeitigen Abbruch) und eine höhere anfängliche Symptombelastung als signifikante Prädiktoren für Symtpombesserung bzw. Response identifizieren. Ein qualitätsrelevanter Abbruch wurde hingegen durch das Vorliegen einer komorbiden Persönlichkeitsstörung und durch das Fehlen einer Symptombesserung bereits zu einem frühen Zeitpunkt im Therapieverlauf vorhergesagt. Es zeigte sich weiterhin, dass die Patienten in naturalistischen Depressionstherapien der Institutsambulanz schlechter abschnitten als die in RCTs. Dies war jedoch nicht durch die von RCTs oft verwendeten Ein- und Ausschlusskriterien bedingt, deren Anwendung häufig zu homogeneren Stichproben führt.

Veröffentlichungen:

  • Schindler, A. & Hiller, W. (2010). Therapieeffekte und Responseraten bei unipolar depressiven Patienten einer verhaltenstherapeutischen Hochschulambulanz. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 39, 107-115.
  • Schindler, A., Hiller, W. & Witthöft, M. (2011). Benchmarking of Cognitive-Behavioral Therapy for Depression in Efficacy and Effectiveness Studies - How Do Exclusion Criteria Affect Treatment Outcome? Psychotherapy Research, 21, 644-657.
  • Schindler, A., Hiller, W. & Witthöft, M. (eingereicht). What Predicts Outcome, Response, and Dropout in Cognitive-Behavioral Treatment of Depressive Adults? A Naturalistic Study.
  • Hiller, W. & Schindler, A. (2010). Response und Remission in der Psychotherapieforschung. Psychotherapie, Psychosomatik Medizinische Psychologie, 61, 170-176.
  • Schindler, A., Hiller, W. & Witthöft, M. (2010). Sind Depressionsbehandlungen im naturalistischen Setting genauso effektiv wie in randomisiert-kontrollierten Studien? Eine Benchmarking-Studie. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 39 (Suppl. 1), 33.
  • Schindler, A. & Hiller, W. (2009). Intention-to-Treat- und Completer-Analysen bei naturalistischen Psychotherapien einer Hochschulambulanz. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 38 (Suppl. 1), 56.
  • Schindler, A., Bleichhardt, G., & Hiller, W. (2008). Verläufe und Therapieeffekte bei unipolaren depressiven Störungen. In P. Warschburger, W. Ihle & G. Esser (Hrsg.). Seelisch gesund von Anfang an – Programm und Abstracts des 26. Symposiums der Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Psychologe, 1.-3. Mai 2008 in Potsdam. Potsdam: Universitätsverlag.

Therapieeffekte bei Angststörungen in einer Hochschulambulanz

Anna Dietrich, Wolfgang Hiller

Die verhaltenstherapeutische Behandlung von Angststörungen hat sich in randomisiert-kontrollierten Studien (RCT´s) als effektiv erwiesen. Wir überprüfen in der vorliegenden Arbeit, inwieweit vergleichbare Ergebnisse wie in Forschungsstudien auch im naturalistischen Behandlungssetting einer Hochschulambulanz erreicht werden können.

Die untersuchten Stichproben bestehen einerseits aus Patienten mit sozialer Phobie und andererseits aus Patienten mit Panikstörungen und/ oder Agoraphobie. Als Haupt-Outcome Maße werden jeweils die zu Beginn und zum Ende der Behandlung erhobenen störungsspezifische Messinstrumente verwendet. Es werden Effektstärken sowie Response und Remissionsraten, sowohl für Intention-to-treat als auch für Completer- Stichproben berechnet und mit publizierten Ergebnissen randomsiert-kontrollierter Studien verglichen. Die bisher durchgeführten Prä-Post-Analysen zeigen einen signifikanten Rückgang der störungsspezifischen Symptomatik. Es ergaben sich mittlere bis große Effektstärken, die auch katamnestisch stabil blieben.

Veröffentlichungen:

  • Dietrich, A., Bleichhardt, G., Hiller, W. (2008). Therapieeffekte bei der Routinebehandlung von sozialer Phobie an einer Hochschulambulanz. In: Leibing, E.; Salzer, S.; Leichsenring, F. (Hrsg.) SOPHO-NET- Forschungsverbund zur Psychotherapie der Sozialen Phobie

Therapieverschlechterung verschiedener Diagnosegruppen bei naturalistischen Psychotherapien einer Hochschulambulanz

Nicole Nelson, Wolfgang Hiller

Ungünstige Therapieverläufe wurden bisher nur selten untersucht und es ist demzufolge wenig über Therapieverschlechterungen im naturalistischen Setting bekannt. Daher beschäftigt sich die vorliegende Studie mit den Häufigkeiten von Therapieverschlechterung bei ambulant behandelten Patienten.

Untersucht wurde die Therapieverschlechterung im Brief Symptom Inventory (BSI) bei einer Untersuchungsstichprobe von 1112 Patienten der Mainzer Hochschulambulanz. Bei der Berechnung der Therapieverschlechterung handelt es sich um Prä-Post-Analysen im Rahmen eines Intention-to-treat-Ansatzes. Klinisch relevante Verschlechterung lag vor wenn entweder der errechnete kritische Differenzwert (anhand des Reliable Change Index; RCI) überschritten wurde oder eine Verschlechterung des Anfangswertes um mind. 50% vorlag und der Endwert im pathologischen Wertebereich lag.

Insgesamt wurde eine Therapieverschlechterung bei 5,6% der Patienten festgestellt, was am unteren Rand des in der Literatur berichteten Ranges von etwa 5-10% Verschlechterung in Psychotherapien liegt. Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung mit 7,5% Therapieverschlechterung sowie Patienten mit einer Zwangsstörung mit 7,1% Verschlechterung offenbar die kritischsten klinischen Gruppen darstellen. Darüber hinaus zeigt sich, dass Therapieverschlechterungen trotz langer Therapiedauer (mind. 25 Sitzungen) auftreten. Dieses interessante Ergebnis sollte näher untersucht werden.

Misserfolge in der Psychotherapie

Fatima Cinkaya, Wolfgang Hiller

Psychotherapeutische Erfolge standen lange im Vordergrund der Psychotherapieforschung. Dagegen ist über ungünstige Verläufe von Psychotherapien wenig bekannt. Die differenzierte Betrachtung von Misserfolgen ist jedoch eine Voraussetzung für die Optimierung der eingesetzten Verfahren. Wir untersuchen in einem naturalistischem Setting, wie häufig und zu welchem Zeitpunkt es zu Therapieabbrüchen kommt und welche Bedingungsfaktoren eine Rolle spielen können. Anhand der Daten von Routinetherapien der verhaltenstherapeutischen Hochschulambulanz in Mainz wurden Abbruchanalysen erstellt, die einen Vergleich zwischen qualitätsrelevanten Abbrüchen und regulären Abschlüssen ermöglichen. Für verschiedene Störungsgruppen wurden Abbruchraten ermittelt sowie Zusammenhänge zu Personen- und Krankheitsvariablen analysiert. Die Gesamtabbruchrate lag bei 24,6% und 14,1% der Abbrüche waren qualitätsrelevant. 56,1% erfolgten innerhalb der ersten 20 Sitzungen. Häufigster Grund war mit 28,1% eine unzureichende Veränderungsmotivation. Am häufigsten brachen Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen (30,2%) und anderen Persönlichkeitsstörungen (25,0%) ab. Weitere Prädiktoren waren erhöhte Psychopathologie (r = 0,18), geringe Therapiemotivation (r = -0,15) und geringe Erfolgserwartung (r = 0,13). Die Vorhersagekraft aller Variablen war jedoch klein. Unsere Daten zeigen, dass es in der täglichen psychotherapeutischen Praxis bei ca. jedem vierten Patienten zu einem Therapieabbruch kommt und davon bei ca. jedem siebten Patienten Qualitätsgründe vorliegen. Abbrüche sind mit identifizierbaren Risikofaktoren assoziiert, die als Ausgangspunkt für Verbesserungen der Therapiekonzepte dienen können.