Chronischer Tinnitus als psychosomatisches Krankheitsbild

Aktuelle Projekte im Forschungsschwerpunkt: Chronischer Tinnitus

Evaluation eines internetbasierten Selbsthilfeprogramms im Vergleich zu einer Gruppentherapie bei chronisch-komplexem Tinnitus
Mag.-Psych. Kristine Tausch, Dipl.-Psych. Isabell Schweda, Dr. Maria Kleinstäuber, Dr. Cornelia Weise, Prof. Gerhard Andersson, Ph.D., Prof. Dr. Wolfgang Hiller

Die langen Wartezeiten und der Mangel an ambulanten Therapieangeboten regten in den letzten Jahren die Entwicklung internetbasierter Behandlungsansätze für verschiedenste Patientengruppen an. Die schwedische Forschungsgruppe um Prof. Andersson entwickelte ein Selbsthilfetraining für Patienten mit chronisch-komplexem Tinnitus, das über das Internet dargeboten wird. Vorstudien mit schwedischen Patientengruppen zeigten bereits vielversprechende Ergebnisse (Kaldo et al., 2007; Kaldo et al., 2008). Im Rahmen einer Kooperation zwischen der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und der Linköping University in Schweden wurde das Selbsthilfetraining für den deutschsprachigen Raum adaptiert und an einer deutschen Patientenstichprobe evaluiert. Die Studie „MINT“ widmet sich einem Wirksamkeitsvergleich zwischen dem internetbasierten Selbsthilfeprogramm und der an der Poliklinischen Institutsambulanz durchgeführten ambulanten Gruppentherapie. In die Studie wurden 128 Patienten mit chronischem Tinnitus und moderater Tinnitusbelastung eingeschlossen, die (a) dem 10-wöchigen internetbasierten Selbsthilfetraining (IT; n = 41), (b) der 10-wöchigen kognitiv-behavioralen Gruppentherapie (GT; n = 43) oder (c) einer aktiven Kontrollgruppe (KG) im Rahmen eines Online-Diskussionsforums (n = 44) randomisiert zugeordnet wurden. Die Katamneseuntersuchungen (6 und 12 Monate nach Therapieabschluss) laufen derzeit. Die Ergebnisse zeigen, dass im Vergleich zur KG beide Interventionen die Tinnitusbelastung (p < .010), Angst- und depressive Symptome (p < .010) sowie Schlafprobleme (p < .010) signifikant reduzieren. Des Weiteren konnte die Tinnitusakzeptanz durch beide Interventionen (jedoch nicht in der KG) signifikant gesteigert werden (p < .010). Die Ergebnisse zeigen keine signifikanten Unterschiede zwischen der IT und GT für primäre wie auch sekundäre Outcome-Maße (.184 < p < .941). In Bezug auf die Tinnitusbelastung ergaben die Berechnungen eine mittlere Zwischengruppen-Effektstärke (Hedges’ g) für die IT (g = 0.68; 95%-CI: 0.24, 1.12) und eine große Effektstärke für die GT (g = 0.84; 95%-CI: 0.40, 1.28). Eine Vorauswertung der 6-Monatskatamnese weist auf die Stabilität der Effekte in beiden Interventionsgruppen hin. In Übereinstimmung mit den Ergebnissen der aktuellen Forschung demonstrieren die Ergebnisse, dass kognitiv-behaviorale Gruppentherapie wirksam hinsichtlich der Reduktion von Tinnitusbelastung und assoziierten Problemen ist. Des Weiteren weist die internetbasierte Intervention zur Gruppentherapie vergleichbare Effekte auf.

Die Rolle dysfunktionaler tinnitusbezogener Kognitionen in der Behandlung von chronisch-komplexem Tinnitus

Isabell Schweda, Kristine Tausch, Maria Kleinstäuber, Cornelia Weise, Gerhard Andersson, Wolfgang Hiller

Während ungefähr vier Prozent der deutschen Bevölkerung von einem chronischen Tinnitus betroffen sind, erlebt jedoch nur die Hälfte der Betroffenen einen erheblichen Leidensdruck (Pilgramm et al., 1999). Dieser Unterschied erklärt sich unter anderem durch dysfunktionale Kognitionen bei der Wahrnehmung und Bewertung des Ohrgeräusches. Neurophysiologische und biopsychosoziale Erklärungsansätze (Modell der Tinnitus-Habituation, Hallam, Rachmann & Hinchcliffe, 1984; Neurophysiologisches Tinnitus-Modell, Jastreboff & Hazell, 1993; Biopsychosoziales Modell, Hiller & Goebel, 2001) beschreiben negative Bewertungsprozesse als zentrale Komponenten in der Entstehung und Aufrechterhaltung eines chronisch dekompensierten Tinnitus. Verzerrte Gedankenmuster stellen somit auch einen wichtigen Ansatzpunkt in der psychotherapeutischen Behandlung dar. Da bislang kein deutschsprachiges Instrument zur spezifischen Erfassung dysfunktionaler tinnitusbezogener Kognitionen vorliegt, zielt die dargestellte Studie darauf ab, die faktorielle Struktur sowie Reliabilität, Validität und Änderungssensitivität des bisher unveröffentlichten Tinnitus Cognitions Questionnaire (T-Cog; Hiller & Haerkötter, 2005) zu überprüfen. Erste Ergebnisse sprechen bereits für eine gute psychometrische Qualität des Fragebogens. Des Weiteren beschäftigt sich die Studie mit der Rolle dysfunktionaler Kognitionen in der kognitiven Verhaltenstherapie des chronisch-dekompensierten Tinnitus‘. Es soll ausgewertet werden, inwieweit sich ein internetbasiertes Selbsthilfeprogramm und eine an der Poliklinischen Institutsambulanz durchgeführte, ambulante Gruppentherapie auf die negativen Bewertungsprozesse der Tinnitusbetroffenen auswirken. Zudem soll analysiert werden, ob die Ausprägung dysfunktionaler Gedanken im T-Cog den Behandlungserfolg in Form einer Reduktion der Tinnitusbelastung vorhersagen kann.

Zum Schwerpunktbereich „Chronisch-komplexer Tinnitus“